Beiträge zur Mediationspraxis

An dieser Stelle erscheinen in loser Folge Beiträge von Stefan Kratsch. Die Artikel behandeln aus unterschiedlicher Perspektive Themen, die für die Mediationspraxis bedeutsam sind.

 

Stefan Kratsch ist Mediator in Erfurt. Sie finden ihn unter den auf dieser Homepage genannten Mediatorinnen und Mediatoren hier.

 

Aktueller Beitrag:

"Am Ufer des Flusses"

 

 

Wenn du lange genug am Ufer des Flusses sitzt,

kannst du die Leiche deines Feindes vorübertreiben sehen.

<Chinesisches Sprichwort>

 

Ich bringe dieses Sprichwort gerne an. Es schockiert. Es erheitert. Voraussetzung: Es trifft.

Und dies tut es, wenn es zu unserer Situation passt. Als da wären beispielsweise Verärgerung und Wut, Feindschaften, blockierte Konkurrenz, Konflikte. Sie dürfen nach Herzenslust ergänzen.

 

Aber bitte! So etwas zu sagen! Hier wird ja mit dem Tod des anderen gespielt - zumindest gedanklich! Das ist doch unmöglich!

 

Dennoch: Das Sprichwort  erheitert. Wir gestatten uns etwas, das wir uns sonst verbieten, nämlich uns den Tod des Feindes auszumalen. Das ist nicht eben anständig. Na und? Wo steht, dass es in Mediationen anständig zugehen muss? Dann brauchten wir ja gar nicht erst anzufangen, so wie sich unsere Gäste benehmen. Und der Mediator? Der ist kein Benimm-Lehrer. Er sorgt für die Mediation. Meine Erfahrung ist: Freche Sprüche können dabei helfen. Der freche Spruch am rechen Platz erlaubt Entspannung in einer konflikthaft angespannten Situation.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Denn so einfach wird man den Feind auch wieder nicht los. Er bedrängt uns. Feindschaft können wir uns wohl einbilden, nicht selten aber wird sie uns erklärt. Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, weiß die Volksseele. Aber auch das ist schon eine Einsicht, die in einer Mediation durchaus am Platze wäre: Unsere feindseligen Lösungswünsche kommen

a) selten ans Ziel und sind

b) in der Regel mit schwerwiegenden Folgen verbunden.

Man sollte als Mediator hin und wieder mit den Konfliktparteien eine Kosten-Nutzen-Analyse ihrer destruktiven Lösungsideen wagen. Im Film „Leon der Profi“ schließt sich eine junge Frau einem „Cleaner“ an, um sich an den Mördern ihrer Familie zu rächen. Sie will töten lernen. Leon, der Tötungsprofi sagt sinngemäß zu ihr „Mathilda, wenn du erst einen Menschen umgebracht hast, wird nichts mehr so sein, wie es war.“ Er muss es wissen und am Ende des Films wird sie ihm glauben.

 

Der unvergleichliche Sokrates warnt: Wenn du Übles tust, wirst du vielleicht vielem entkommen können, einem aber nicht und das bist du selbst. Mit dir wirst du den Rest deines Lebens zusammenleben müssen, und das wäre möglicherweise ein Lügner, Gewalttäter, Dieb, und was es der Unarten so alles gibt.

 

In Gedanken spielen wir tausend Strafen für den bösen anderen durch. Es beginnt mit unschuldigen Wünschen z.B. dahin, wo der Pfeffer wächst und setzt sich meist in gesteigerter Aggressivität fort. Wie gut, dass sich Wünsche nicht sogleich erfüllen. Vorstellung ist nicht Handlung. Zwischen beidem liegt meist und zum Glück ein gutes Stück Weg.

 

Solange wir miteinander lachen, töten wir nicht. Solange wir den anderen in der Phantasie als Leiche  an uns vorübertreiben lassen, haben wir noch nicht zugeschlagen. Das Sprichwort ist ein „Aufhalter“. Es hält eine Situation offen, unabgeschlossen. Der Vernichtungswunsch ist (noch) nicht erfolgreich ausagiert. Wäre er es, könnten wir uns das Sprichwort schenken. Niemand würde nun mehr lachen und das wohl zu Recht.

 

Die Mediation ist ebenfalls ein „Aufhalter“. Auch sie hält offen – für andere Lösungen und möglicherweise zum Guten. Es ist besser, eine destruktive Absicht aufzuschieben. So sind immer auch noch andere Entscheidungen möglich. Zugleich aber zeigt sich etwas, das gesehen werden will und seinen Platz braucht, anthropologisch und im konkreten Konfliktfall – Aggression.

 

Aufschub. Auch davon redet das Sprichwort. Es wird nur meist unvollständig gehört. Denn was wir zuerst hören und gerne hören, ist vom Tod unseres Feindes in malerischer Landschaft. Nun sagt aber das Sprichwort auch: „Wenn Du lange genug am Ufer des Flusses sitzt….“ Lange genug. Das kann sehr lange sein. Gerade unser bester Feind tut uns einfach nicht den Gefallen abzutreten. Und wer sagt denn, dass wir allein am Fluss sitzen? Es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass dort auch andere warten, zum Beispiel – unser Feind. Und auf wen oder was wartet der wohl? Sie alle, die da sitzen, gewähren sich eine Frist.

Vielleicht heißt sie Mediation. Und wenn‘s gut geht, kann man irgendwann einmal auch mit der Warterei aufhören.

 

© Stefan Kratsch, 02.08.2017

Mitbegründer und ständiges Mitglied des Thüringer Arbeitskreis Mediation e.V.

 

(unten auch zum Download: Ufer des Flusses_Essay2017.pdf)

 

Stefan Kratsch, 15.10.2012

Beiträge vergangener Monate

Ufer des Flusses_Essay2017.pdf
Adobe Acrobat Dokument 727.1 KB
06_2012_Hänsel und Gretel.pdf
Adobe Acrobat Dokument 34.0 KB
5.2012_Der metaphorische Schrank.pdf
Adobe Acrobat Dokument 21.5 KB
02.2012_Die wenigen Wörter.pdf
Adobe Acrobat Dokument 16.1 KB
12.2011_Die ersten Worte2.pdf
Adobe Acrobat Dokument 24.3 KB
10.2011_Ab wann ist ein Schiff ein Schif
Adobe Acrobat Dokument 16.2 KB
09.2011_Alle Kreter lügen.pdf
Adobe Acrobat Dokument 15.2 KB
07.2011_Reisezeit2.pdf
Adobe Acrobat Dokument 18.5 KB
05.2011_Mediation mit Gaddafi.pdf
Adobe Acrobat Dokument 19.8 KB
04.2011_Vom Weg.pdf
Adobe Acrobat Dokument 18.1 KB
02.2011_Ihr könnt mich alle mal.pdf
Adobe Acrobat Dokument 23.3 KB
11.2010_Tanz durch die Zeiten.pdf
Adobe Acrobat Dokument 21.4 KB
10.2010_Vermittler auf Großbaustelle.pdf
Adobe Acrobat Dokument 18.1 KB
09.2010_MediatorRichter.pdf
Adobe Acrobat Dokument 18.6 KB
08.2010_Das Handwerk der Freiheit und da
Adobe Acrobat Dokument 19.0 KB
07.2010_Unverständnis in der Mediation.
Adobe Acrobat Dokument 26.7 KB

Thüringer Arbeitskreis Mediation
info@thueringer-arbeitskreis-mediation.de

 

Vorsitzende:

Andrea Skerhut

Spohrstr. 9

99867 Gotha

FON     +49  (0)3621 402204

MOBIL  +49 (0)15157770001