Beiträge zur Mediationspraxis

An dieser Stelle erscheinen in loser Folge Beiträge von Stefan Kratsch. Die Artikel behandeln aus unterschiedlicher Perspektive Themen, die für die Mediationspraxis bedeutsam sind.

 

Stefan Kratsch ist Mediator in Erfurt. Sie finden ihn unter den auf dieser Homepage genannten Mediatorinnen und Mediatoren hier.

 

Aktueller Beitrag:

Die ersten Worte oder: Was sagen Sie, nachdem Sie „Guten Tag“ gesagt haben?*

Was sagt ein Mediator, nachdem er „Guten Tag“ gesagt hat? Auf diese Frage erhielt ich vor kurzem überraschende Auskunft. Wie üblich in einem Augenblick, als ich es nicht erwartete.
Denn ich hatte den Fernseher eingeschaltet. Ich liebe Filme. Gezeigt wurde die Branagh-Verfilmung von Shakespeares  „Henry V.“

Da treffen sich am Ende des Stückes, sprich Filmes, nach der epochalen Schlacht von Azincourt, der siegreiche englische König Heinrich V. und der geschlagene französische König Karl VI., um die Bedingungen für den Frieden auszuhandeln. Vermittler ist der Herzog von Burgund, der die folgenden denkwürdigen Worte spricht :

 

Meine Ergebenheit Euch, bei gleicher Liebe,
große Könige von Frankreich und England.
Soweit ist bisher mein Dienst für Euch geglückt,
dass Ihr von Angesicht zu Angesicht, von Aug‘ zu Aug‘
Euch habt gegrüßt.

Entgeltet es mir nicht, wenn ich Auskunft verlange
in diesem königlichen Kreis:
Warum darf der arme, nackte und zerfleischte Frieden
in diesem schönsten Garten auf der Welt,
unserem fruchtbaren Frankreich
nicht sein liebliches Antlitz erheben?

Ach allzu lang war er aus unserem Land verjagt
und alle Wirtschaft liegt danieder
verderbend in der eigenen Fruchtbarkeit.
Wie unser Wein nun, Brachland, Wiesen, Hecken
durch fehlerhaften Trieb verwildern,
haben ebenso unsere Häuser und wir selbst
die Kenntnisse der Wissenschaft verloren,
die unserem Land zur Zierde gereicht haben.
Wir lernen aus Zeitmangel nicht,
sondern wachsen auf wie Wilde,
wie Soldaten, die nichts tun,
als über Blutvergießen nachzudenken,
mit Flüchen, grimmigen Blicken, verkommener Kleidung;
kurz alles was einem Menschen unwürdig ist.

Darum ersucht Euch meine Rede,
dass ich das Hindernis erfahren darf,
was es ist, das den holden Frieden hindert,
die Missstände weiter wachsen läßt.“


Solche Rede spricht für sich und an. Da hat einer, der von Mediation im heutigen Sinn nichts wusste, viel aber von den Höhen und Abgründen des Lebens, William Shakespare, diese unglaublichen und ergreifenden Worte dem zwischen Kriegsherren vermittelnden Herzog in den Mund gelegt. Und er hat, wie es mir scheint, uns Heutigen einen Wortlaut anvertraut, der beinah ohne große Änderungen der Auftakt jeder Mediation sein könnte. Noch habe ich es nicht versucht und spiele doch mit dem Gedanken, in einer passenden Situation einfach zu Beginn der Mediation diesen Text zu lesen. Denn er scheint mir alles zu sagen, worauf es anfangs ankommt.

In dreiteiliger Rede werden zunächst die Gäste mit Respekt und „in gleicher Liebe“ begrüßt, die allen menschlichen Wesen gebühren, auch wenn sie blutbeschmiert und in Erbitterung, Zorn, Rage, Niedertracht oder tiefer Verzagtheit vor uns sitzen. Und wer weiß, wenn ich nur erst einmal die Gäste wie Könige anspreche, vielleicht benehmen sie sich doch schließlich auch so? Auch wird berichtet, was der Vermittler bisher unternahm und wie er in tiefer Dankbarkeit erkennt, dass sein Dienst bis dorthin geglückt ist, diese Zerstrittenen an einen Tisch zu bringen.

Es folgt die Klage um den traurigen Zustand, in den Hader und Streit die Anwesenden und alle, die mit ihnen sind, gestürzt hat. Und alle üblen Folgen des Zerwürfnisses werden benannt: die verwüsteten Gärten, die wirtschaftliche Not in die uns die Fixiertheit auf den Streit nur allzu oft stürzt, unsere alltägliche Kriegswirtschaft, der Wildwuchs, Missernten im weitesten Sinne, wie sich unser Zusammenleben in Brachland verwandelt, das den Hungernden nichts mehr bietet, die Rohheit in die wir fallen, wenn wir nur noch um eigene Interessen ringen und alles andere aus dem Blick verlieren, „kurz alles was einem Menschen unwürdig ist.“ Es scheint ein Ideal von Menschlichkeit auf, für das jede Mediation einsteht, wenn und insofern sie als solche bezeichnet werden will.

Zu gutem Schluss, noch einmal die drängende und vielleicht an dieser Stelle passendste Frage: „Darum ersucht Euch meine Rede, dass ich das Hindernis erfahren darf, was es ist, das den holden Frieden hindert...“ Was für Worte!  Wenn nun nicht einer beginnt zu reden – was soll man dann noch sagen?

 

 

 *    Mit dem zweiten Teil dieser Überschrift zitiere ich einen Buchtitel von Eric Berne: Was sagen Sie, nachdem Sie „Guten Tag“ gesagt haben? – ein Buch dessen Lektüre für Mediation ebenso ergiebig sein dürfte wie das Lesen eines Shakespeare-Stückes.
**   Der Wortlaut folgt der Deutsche Synchronisation der englischen Fassung des Shakespare-Textes im Film „Henry V“  (Regie: Kenneth Branagh, Jahr 1989).

Beiträge vergangener Monate

10.2011_Ab wann ist ein Schiff ein Schif
Adobe Acrobat Dokument [16.2 KB]
Download
09.2011_Alle Kreter lügen.pdf
Adobe Acrobat Dokument [15.2 KB]
Download
07.2011_Reisezeit2.pdf
Adobe Acrobat Dokument [18.5 KB]
Download
05.2011_Mediation mit Gaddafi.pdf
Adobe Acrobat Dokument [19.8 KB]
Download
04.2011_Vom Weg.pdf
Adobe Acrobat Dokument [18.1 KB]
Download
02.2011_Ihr könnt mich alle mal.pdf
Adobe Acrobat Dokument [23.3 KB]
Download
11.2010_Tanz durch die Zeiten.pdf
Adobe Acrobat Dokument [21.4 KB]
Download
10.2010_Vermittler auf Großbaustelle.pdf
Adobe Acrobat Dokument [18.1 KB]
Download
09.2010_MediatorRichter.pdf
Adobe Acrobat Dokument [18.6 KB]
Download
08.2010_Das Handwerk der Freiheit und da
Adobe Acrobat Dokument [19.0 KB]
Download
07.2010_Unverständnis in der Mediation.
Adobe Acrobat Dokument [26.7 KB]
Download

Thüringer Arbeitskreis Mediation
c/o Friedemann Schlede
Am Schloss Wippchen 3
99974 Mühlhausen
info(at)thueringer-arbeitskreis-mediation.de
Tel.: 03601 - 81 56 39

 

Newsletter

Info: Der Newsletter kann jederzeit abbestellt werden.